Bio und Welthunger

“Welternährung” oder Lebensmittelsouveränität?

Bio und Welthunger – bedingt etwa das Eine das Andere? Mitnichten!
Von welchen Lebensmitteln sprechen wir eigentlich, wenn wir den Bedarf erheben wollen? Sprechen wir nur von den Welt-Grundnahrungsmitteln wie Reis und Weizen oder von einer Gesamtheit der unglaublichen Vielfalt von Pflanzen? Oder nehmen wir auch das „Veredelungsprodukt“ Fleisch dazu, für das wir für 1 kg bereits ca. 7 kg Getreide- und Eiweißnahrung verfüttern haben müssen? Gehen wir weiters davon aus, auch in Zukunft etwa 200 % erzeugen zu müssen, um 100 % konsumieren zu können, weil wir es uns „leisten“ können, weiterhin etwa 50 % der produzierten Lebensmittel auf den Müll zu werfen oder durch mangelnde Möglichkeiten bei der Nachernte verlieren?Aktuelle Studien machen nämlich deutlich, dass am Weg vom Acker/Stall bis in die Haushalte im großen Durchschnitt 50 % der Lebensmittel „verloren“ gehen.

Gehen diese in den armen Ländern tatsächlich durch veraltete und schlecht gewartete Ernte-, Transport- und Aufbereitungstechnik verloren, so werden Lebensmittel in den reichen Ländern aus den verschiedensten Gründen im großen Stil weggeworfen (in Östereich macht dies einen Betrag zwischen ein und zwei Milliarden Euro aus, etwa das Doppelte dessen, was für Bio-Lebensmittel ausgegeben wird).

Anstatt von „Welternährung“ müssen wir in Zukunft von „globaler Ernährungssouveränität“ sprechen und auch in diesem Sinne Lösungen entwerfen und umsetzen. Kann nun die Biologische Landwirtschaft  Ernährungssouveränität eher garantieren als die konventionelle, industrielle Landwirtschaft? Die Bio-Vordenker Urs Niggli vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) sowie Felix zu Löwenstein, Vorsitzender des Deutschen Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) sagen dazu eindeutig ja!
Ja unter den Bedingungen einer „ökologischen Intensivierung“. Grundbedingung bleibt, dass Bio genügend produktiv ist, um eine globale Ernährungssicherheit angesichts der steigenden Erdbevölkerung sicherzustellen.

Bio und Welthunger – logische Konsequenz?
Studie spricht vom Gegenteil!

WissenschafterInnen der Universität Michigan haben dazu 2007 einen aufschlussreichen Versuch unternommen, wie viele Lebensmittel durch eine low-input, kleinbäuerliche Bio-Landwirtschaft zur Verfügung gestellt werden könnten. Die Auswertung untersuchte, welche Nahrungsmengen in zehn verschiedenen Kategorien von Grundnahrungsmitteln durch die Umstellung der Weltagrarfläche auf Biologische Landwirtschaft erzeugt werden könnte. Die WissenchafterInnen gingen davon aus, dass es zwei verschiedene Ausgangspunkte für die Umstellung gibt, je nachdem, welche der beiden Formen von den BäuerInnen derzeit praktiziert wird. Einerseits von einer traditionellen Landwirtschaft kommend, die mangels Zugang oder Kaufkraft ohne Chemie arbeitet, aber die Prinzipien des Bio-Landbaus nicht anwendet. Andererseits von einer industriellen Landwirtschaft ausgehend, die alle Methoden einer „modernen“ Landwirtschaft praktiziert, wie sie von der „Grünen Revolution“ seit 40 Jahren vorangetrieben werden, insbesondere den Einsatz von chemisch-synthetischen Dünge- und Pflanzenschutzmittel und von gentechnisch verändertem Saatgut.

Das interessante Ergebnis dieser Studie:

Die Umstellung der globalen Nahrungsmittelerzeugung auf Biologischen Landbau würde zu einer Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion um 50 % auf fast 4400 Kilokalorien pro Person und Tag (bei einem Bedarf von 2200 bis 2500 kcal/Person, Tag) führen!

Das Ergebnis ist umso interessanter, als beim Vergleich keine „optimierten“ Systeme, sondern tatsächlich existierende Beispiele gegeneinander abgewogen wurden (Interessensvertreter würden bei Modellen gerne optimierte Annahmen verwendet sehen, doch optimierte Fälle gibt es für beide Anbaumethoden nicht, zu unterschiedlich sind die Bedingungen in jeder Region dieser Erde).

Reinhard Geßl

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